Gastbeitrag – Fragmentfilm: Nippon Connection Tag 2: Zweimal Goodbye und Hawaii

Die ersten beiden Festivaltage sind um und es zeichnen sich bereits thematische Schwerpunkte im Programm des diesjährigen Nippon Connection Festivals ab: Auf der einen Seite die mehr oder weniger ernsten, bombastischen, (post-)apokalyptischen Endzeitgeschichten, auf der anderen hawaiianische Traumtänze und die unerträgliche Leichtigkeit beziehungsüberdrüssiger junger Großstädter in der Paarungszeit. Über allem schwebt dann noch der giftige Atem des Königs aller Monster – desjenigen, der nicht genannt werden darf – King Godzilla.

Wobei das jetzt eventuell ein bisschen übertrieben sein mag, denn tatsächlich riecht es hier vor allem nach Ramen, Gyoza und Takoyaki.

LOVE AND GOODBYE AND HAWAII (2017) von Shingo Matsumara – Japanischer Mumblecore

Alles haben wollen und doch nicht so richtig los lassen können – GOOD/BYE von Izumi Matsuno und LOVE AND GOODBYE AND HAWAII von Shingo Matsumara – sind zwei Filme, die nicht nur beinahe den selben Titel tragen, sondern auch mehr oder weniger dieselbe Geschichte erzählen: Bei GOOD/BYE sind es Tamaki und Kaori, bei LOVE AND GOODBYE AND HAWAII heißen sie Rinko und Isamu. In beiden Filmen geht es um ein Paar, das nicht so richtig voneinander loskommt. Eigentlich sind sie getrennt, teilen sich aber noch eine Wohnung. Warum sie das tun, wissen sie selbst nicht so genau, aber die Mieten in Japan sind teuer und Wohnraum ist knapp. Das soziale Umfeld, Freunde und Verwandte, potenzielle neue Partner bringen recht wenig Verständnis für diese Lebenssituation auf. In GOOD/BYE schicken Kaoris besorgte Eltern Onkel und Tante vorbei, damit diese einmal nach dem Rechten sehen und den beiden jung Verwirrten die Flausen austreiben… Ziel – ist ja klar – es soll alsbald geheiratet werden.

LOVE AND GOODBYE AND HAWAII nähert sich dem Thema eher leichtfüßig an und porträtiert seine Protagonisten als zwei sympathische Verlierer: Isamu ist ein verkopfter Akademiker, dem eigentlich vieles egal zu sein scheint und der sich vor allem für seine literarischen Forschungen und eventuell auch für seine Kommilitonin interessiert, während Rinko soeben ihre Schauspielkarriere an den Nagel gehängt hat und einerseits aus finanziellen Gründen an die Wohnung gebunden ist, aber auch an der durch die Trennung unkomplizierten Beziehungsroutine ein wenig mehr hängt als er. Außerdem muss Geld gespart werden für den Flug nach Hawaii, wo sie auf der Hochzeit einer Freundin, als Hula-Tänzerin auftreten soll. Shingo Matsumaras LOVE AND GOODBYE AND HAWAII wird vor allem getragen von seiner weiblichen Hauptfigur Rinko, die sich in bester Slacker-Manier bei ihren Freunden durchschnorrt und keinerlei Ambitionen hat. Der Film besticht vor allem durch seine gekonnt arrangierte Situationskomik und unterhaltsamen Dialoge. Izumi Matsunos GOOD/BYE ist da schon eher melancholischer, schwermütiger, poetischer. Und erinnert darin auch wieder an Yuya Ishiis THE TOKYO NIGHT SKY IS ALWAYS THE DENSEST SHADE OF BLUE. Neben der eigentlichen Handlung geht es hier auch um die sanften Zwischentöne und die Poesie des Augenblicks. Tamaki und Kaori befinden sich gerade auch irgendwie dazwischen: Sie sind nicht mehr zusammen, aber auch nicht getrennt, sind sich räumlich zwar nah aber emotional entfernt. Die Wohnung haben sie aufgeteilt, jeder hat seinen fest definierten Bereich, fein säuberlich markiert mit Klebeband. Jeden Morgen schreiben sie sich Mitteilungen und Gedanken, das Zusammenleben betreffend in ein Notizbuch. Ein thematisch passendes Buch zeigt die jeweilige persönliche Tagesform an. Auf hier reagiert vor allem das Umfeld eher ungehalten auf diese Form des Zusammenlebens. Die auf das Paar angesetzten Verwandten versuchen mit schrulligen Methoden dem Problem auf den Grund zu gehen und stiften eher Chaos.

Witzigerweise wirken diese beiden Filme wie zwei alternative Handlungsverläufe ein und derselben Geschichte – in beiden Filmen steht am Ende eine Entscheidung, jedoch nur eines der Paare wird sich endgültig trennen.

Mit GOOD/BYE und LOVE AND GOODBYE AND HAWAII präsentiert das diesjährige Nippon Connection Filmfestival zwei ästhetisch schön anzusehende, kurzweilige und unterhaltsame Filme, über das Zaudern einer neuen Generation, die traditionelle Werte zwar in Frage stellt, deren Handlungsspielraum jedoch durch die Prekarität der eigenen Existenz eingeschränkt ist. Wem diese beiden Filme gefallen haben, der darf sich Yuya Ishiis THE TOKYO NIGHT SKY IS ALWAYS THE DENSEST SHADE OF BLUE freuen. – Alles in allem Japanese Mumblecore at ist best!

A.r.G.da.Na.ni von Jan van Hasselt – Notorious Big G.

Eigentlich ist es schon absurd: Keinen einzigen Godzilla-Film habe ich gesehen – ja, aus terminlichen Gründen nicht einmal DAS filmische Highlight des Nippon Connection Filmfestivals: SHIN GODZILLA – und dennoch lande ich immer wieder in diesen Meta-Veranstaltungen, die sich in irgendeiner Form (medienkritisch, popkuturell…) mit dem Phänomen Godzilla auseinander setzen. Dementsprechend habe ich mir natürlich auch nicht Jan van Hasselts multimediale Performance „A.r.G.da.Na.ni“ entgehen lassen: Eine collagenartige Untersuchung der Trademark und des Phänomens Godzilla, dessen Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden darf (A.r.G.da.Na.ni = Aus rechtlichen Gründen darf Name nicht [genannt werden]). Neben einem Auftritt des tatsächlichen Monsters (den ich leider verpasst habe), versuchte die Performance anhand vorgetragener fiktiver Anekdoten, musikalischer Einlagen und Experten-Interviews sowie verfälschter Filmausschnitte der frühen Verfilmungen, das Universum des japanischsten aller Monster experimentell zu untersuchen. Godzilla, das war ja niemals einfach nur ein Monster, sondern vielmehr metaphorische Projektion Verarbeitung eines nationalen Traumas, einer historischen Niederlage und tiefen nationalen Verletzung. Godzilla, das ist die personifizierte Angst vor der zerstörerischen Energie der Atombome, aber auch Sinnbild der menschlichen Hybris, des Vertrauens in die Technik und des Glauben, dass man sich diese zerstörerische Macht risikolos zu eigen machen kann. – Ein absoluter Irrglaube, wie die Erfahrung der Dreifachkatastrophe von Fukushima zeigt. Umso interessanter ist vor diesem Hintergrund natürlich auch die neueste Verfilmung des Stoffes, der ersten japanischen Godzilla-Verfilmung nach Fukushima.

Und zum Schluss noch: Hawaii

Hawaii, das ist der Ort, an dem nur Paare heiraten, die wirklich glücklich sind, sagt Rinko in LOVE AND GOODBYE AND HAWAII. Heute beliebtestes Urlaubsreiseland unter Japanern, war Hawaii in den 1920er Jahren eine der größten japanischen Enklaven. In dieser Zeit kamen auch die Vorfahren der Dokumentarfilmerin Kimi Takesue aus dem japanischen Yamaguchi nach Hawaii, um dort Arbeit und ihr Glück zu finden. 95 AND 6 TO GO ist eine Liebeserklärung an diese Insel, aber auch das liebevolle Porträt ihres Großvaters, eines ihrer strengsten Kritiker, der bis ins hohe Alter leidenschaftlicher Tänzer und Musikliebhaber war.

Dies ist ein Gastbeitrag der lieben Tatiana Braun von Fragmentfilm.   

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