Gastbeitrag – Miss Booleana (A Silent Voice, Tokyo University of the Arts Animated Shorts)

Während das japanische Filmfestival Nippon Connection bereits in die 17. Runde geht, feiere ich als Besucherin mein Debut. Der für mich erste Festivaltag steht zuerst einmal im Zeichen der Animation.
A Silent Voice  (聲の形)
A Silent Voice ist die Langfilm-Umsetzung des Erfolgsmanga von Yoshitoki Ōima, der seit 2011 in Japan und seit 2016 in Deutschland erscheint und ein Sensationserfolg war. Naoko Yamada setzte die Geschichte als Anime-Spielfilm um und auf der Nippon Connection war es der Auftakt von NIPPON ANIMATION, dem Animationsfilm-Segment des Festivals. Die Veranstaltung war sehr gut besucht und früh ausgebucht. Nicht nur, weil der Ruf des Manga dem Anime vorausgeeilt ist, sondern sicherlich auch aus dem einfachen Grund, da die darin angesprochenen Themen uns alle etwas angehen.
Der Film handelt von Shōya Ishida, dem Klassen-Clown seiner Grundschule. Als die gehörlose Shōko Nishimiya in seine Klasse kommt, sind alle Kinder erstmal etwas überfordert, aber freundlich. Nach und nach bemerken sie, dass es schwerer als bei anderen Kindern ist eine Beziehung zu Nishimiya aufzubauen und sie einzubeziehen. Insbesondere Ishida beginnt bald sie zu mobben und andere schließen sich ihm an. Als das Mobbing auffällt, wendet sich das Blatt und Ishida wird zum Ziel der Anfeindungen. Was das mit dem jungen Mann macht, der eigentlich kein schlechter Kerl ist, demonstriert der Anime einfühlsam und mit viel Symbolik, sowohl optisch als auch an Stilmitteln des Animationsfilms. Man meint nicht selten das Dröhnen und die Veränderung der Umwelt mit den Sinnen Nishimiyas wahrzunehmen oder mit Ishidas vor Schuld gesenktem Blick. Dabei ist A Silent Voice kein bierernstes Lehrstück, das mit dem moralischen Fingerzeig Täter anprangert, sondern ein einfühlsamer Film, der alle Seiten beleuchtet und das Pulikum genauso oft zum Lachen wie zum Innehalten bringt. Und das war auch an den Reaktionen im Publikum zu sehen.
Wenn man sich bei einem Filmfestival, Conventions oder ähnlichen Veranstaltungen mal im Saal beim laufenden Film umdreht, dann sieht man etwas, dass es so nicht in jedem Kinosaal zu sehen gibt. Vollkommen  gebannte Gesichter. Die Zuschauer sind absolut begeistert vom Film, lassen sich mitreißen und im Falle von A Silent Voice bleibt auch selten ein Auge trocken, wenn sich Ishida und Nishimiya Jahre später wieder begegnen.
Eine der schönsten Nebeneffekte von Besuchen auf Festivals neben dem Offensichtlichen ist Gleichgesinnte zu treffen. Fans von Japan, japanischer Kultur, Film und Animation aus Fernost und die Menschen, deren Gedanken man fast tagtäglich in den Ziefen des www mitverfolgt. So durfte ich einige Bloggerkollegen persönlich treffen, deren Zeilen ich sonst nur digital verfolge und einige Sätze meines inzwischen eingestaubten Japanisch wieder heraufbeschwören. Omoshiroi ne?
Nach der emotionalen Achterbahnfahrt und nebenbei gesagt hoch qualitativen Umsetzung von A Silent Voice, musste erstmal eine Stärkung her. Die zahlreichen Stände mit japanischen Köstlichkeiten kommen da sehr gelegen, bevor der Filmmarathon fortgesetzt wird. Gyoza, Takoyaki, Ramen … und wer will Sake, alles da. Gut gewappnet ging es zur nächsten Etappe.
Tokyo University of the Arts: Animation Shorts
Mit einer Einführung von u.a. Prof. und Filmemacher Taruto Fuyama wurden den Zuschauern Animations-Kurzfilme der Masterstudenten der in Yokohama ansässigen Fakultät präsentiert. Die Techniken umfassten Stop-Motion mit verschiedenen Medien, die Themen reichten von Drama über Satire bis hin zu Horror und versprühten angenehmes Arthouse-Flair. Anschließend stand der Professor noch für Fragen zur Verfügung.
Das Sonnenlicht habe ich an dem Tag wenig gesehen – aber aus ziemlich guten Gründen. Denn anschließend ging es gleich weiter zu der vorerst letzten regulären Station für mich: dem Vortrag von Ursula Gräfe, der Übersetzerin von Haruki Murakami Literatur im deutschsprachigen Raum.
Ursula Gräfe – Musik und Magie in den Sprachwelten Haruki Murakamis
Anders als angekündigt, handelt der Vortrag oder viel mehr das Gespräch, nicht nur vom “Alltag einer Übersetzerin”, sondern beinhaltet eine Betrachtung der gängigen Symbole und Themen in Murakami-Romanen wie die Musik. Die Zuhörer wurden mit “Norwegian Wood” von den Beatles begrüßt. Murakami-Fans wissen, auf welches Buch das anspielt. Aber es wurden auch die Schwierigkeiten des Übersetzens angesprochen, insbesondere in Hinblick auf den bekannten Eklat im Literarischen Quartett und wie eine Übersetzung aus dem Amerikanischen damals für Zwist sorgte. Ursula Gräfe ging dabei auf verschiedene Werke Murakamis ein, ihre Leitmotive, die darin erwähnte Musik und Murakami selber. Und ich als langjähriger Murakami-Fan habe noch einiges Neues gelernt, fühlte mich v.a. aber auch dieser Welt voller einsamer Helden und Welten in denen nichts ist wie es scheint umso näher.
Damit endet mein erster Tag auf der Nippon Connection für mich, während ich die Abendstunden nutze und nochmal durch die Hallen schlendere und mir das Angebot abseits von Film und Animation ansehe und den Tag ausklingen lasse. Mata ne!
Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag von der lieben Miss Booleana.  
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