Ein Bericht zur Podiumsdiskussion „Filmproduktion und Filmkonsum in Zeiten des Corona-Lockdowns“

Am 6. März 2021 veranstaltete das Japanische Filmfestival Nippon Connection in Zusammenarbeit mit dem Japanischen Kulturinstitut eine Online-Podiumsdiskussion. Gäste waren der japanische Regisseur und Festivalveranstalter Isao Yukisada und die deutsche Filmproduzentin Bettina Brokemper. Moderiert wurde das Gespräch von Florian Höhr, Leiter des Filmprogramms bei Nippon Connection.

(von Pauline Teupke)

Die Abschlussfrage wäre Einladung für einen optimistischen Ausklang gewesen: Gibt es langfristige positive Auswirkungen der Corona-Krise für die Filmbranche? Aber die Antworten der beiden Gäste der Paneldiskussion blieben verhalten. Sie würde gerne etwas Positives sagen, könne aber im Moment noch nichts dergleichen erkennen, sagte Produzentin Bettina Brokemper. Und auch Regisseur Isao Yukisada kam zum ersten Mal in den drei Stunden der Veranstaltung ins Stocken, als er nach einer Antwort suchte.

Dabei war das Gespräch bis dahin munter und lebhaft verlaufen. Es ging um die Schwierigkeiten im vergangenen Jahr, aber auch um Momente, die Mut schenkten, und um die Liebe zum Film und zum Kino. Immer wieder war die auf Zoom ausgetragene Diskussion auch amüsant. Etwa als Yukisada von der größten Angst junger japanischer Regisseur*innen vor ihrem ersten Filmfestival in Europa erzählte: Der Horrorvision, dass sämtliche Zuschauer*innen während der Vorführung den Saal verlassen könnten. Angstvoll bangend lauschten sie dann auf das Hochklappen der Kinositze und könnten am Ende erleichtert aufatmen, wenn doch die meisten da geblieben seien.

Die gemeinsam mit dem Japanischen Filmfestival Nippon Connection organisierte Veranstaltung war die dritte in der Reihe „Neue Normalität“ vom Japanischen Kulturinstitut in Köln. Thema der digitalen Podiumsdiskussion am 6. März 2021 waren die Folgen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie auf Filmbranche, Kinos und Filmfestivals in Deutschland und Japan. Eingeladen waren der bekannte japanische Regisseur und Festivalveranstalter Isao Yukisada und die deutsche Produzentin Bettina Brokemper. Moderiert wurde das Gespräch vom Leiter des Filmprogramms beim Nippon Connection Filmfestival, Florian Höhr.

Lockdown

Seit dem Beginn der Pandemie ist ein Jahr vergangen. Die erste Phase verlief in Japan und Deutschland, für Brokemper und Yukisada, ähnlich: Premieren abgesagt, Kinos zu, internationale Produktionen nicht möglich, die Welt schien stillzustehen.
Zuerst war sie wie in einer Schockstarre, sagt Brokemper. Dann ging es um „Katastrophenverhinderung“: Ihre große deutsch-italienisch-griechische Koproduktion stand vor dem Aus, sie musste Flugverbindungen suchen, Reiseregelungen durchschauen, Lösungen finden, immer wieder und wieder, um das Projekt zu retten. Am Ende kostete es dreißig Prozent mehr als geplant, Hygienemaßnahmen sind zeit- und kostenaufwändig. Wer Brokemper zuhört, kann ihre Erschöpfung erahnen.

Auch Yukisada erwischte der Lockdown: Der Kinostart von gleich zwei seiner Filme wurde verschoben, eine in Taiwan geplante Produktion abgesagt. Er saß zuhause, verzweifelt, und versuchte, die Situation auf seine Art zu bewältigen. Also fragte er befreundete Schauspieler*innen an – die saßen ja jetzt auch alle zuhause und durften nicht arbeiten – und drehte kurzerhand zwei Filme. Auf Zoom. Über verschiedene Konstellationen von Menschen, die sich auf Zoom treffen und reden. Damit wollte er einerseits die historische Stimmung einfangen und andererseits den Appell vermitteln, während der Pandemie das Kino nicht zu vergessen. Das habe ihn gerettet, sagt er. Denn Filme, davon ist Yukisada überzeugt, können Halt geben. Inzwischen sind die Kinos in Japan schon lange wieder geöffnet, den Kinostart seines Films THEATRE: A LOVE STORY (2020) konnte er im Juli nachholen und aus den zwei Zoom-Filmen ist im Herbst zusammen mit einem weiteren Kurzfilm eine Trilogie geworden.

Filmproduktion

In Japan wie in Deutschland läuft die Filmproduktion wieder, mit Auflagen und Hygienemaßnahmen. Yukisada berichtet etwa davon, dass in einer japanischen Richtlinie empfohlen wird, auf Liebes- und Actionszenen zu verzichten. Das kommt für ihn nicht in Frage, stattdessen lassen sich aber alle Mitarbeiter*innen am Set umso häufiger auf Covid-19 testen, achten auf Abstand, messen Fieber und tragen Masken. Schwierig seien vor allem Dreharbeiten in Gegenden außerhalb Tokios, wenn ganze Crews untergebracht werden müssten. Außerdem fehle das Geld der Produzenten, denen es aktuell finanziell nicht gut gehe. Auch Brokemper erzählt vom logistischen Aufwand, wenn etwa Szenen angepasst und die Drehfolge geändert werden muss. Die Drehs von Historienfilme mit vielen Komparsen etwa wurden verschoben, zu hoch ist das Infektionsrisiko. Tiefgreifende Änderungen am Drehbuch gebe es jedoch kaum, denn dafür würden Filmproduktionen viel zu langfristig geplant werden. Überhaupt sieht Brokemper ein großes Problem in der Planungsunsicherheit. Normalerweise plane sie drei Jahre im Voraus, jetzt ist nicht einmal sicher, wann die Kinos in Deutschland wieder öffnen werden.

Kinos

Diese Frage ist nicht nur für sie als Produzentin wichtig, sondern auch für die Kinos selbst; beliebig lange können sich die meisten von ihnen nicht mehr halten. Eine Konkurrenz mit Streaming-Diensten besteht auch, und das nicht erst seit dem Lockdown. Aber Brokemper sagt, dass sie an die Kinos glaube – und wer weiß, vielleicht entdecken die Menschen gerade durch den Lockdown wieder, wie schön es ist, gemeinsam mit anderen Menschen Filme zu schauen. Zumindest können sie und auch Yukisada von Unterstützungskampagnen und Solidarität mit Arthouse-Kinos während des Lockdowns berichteten.

Und während hierzulande ein Kinobesuch noch wie ein ferner Traum erscheint, hat in Japan vergangenes Jahr ein Anime-Film alle Rekorde gebrochen: DEMON SLAYER – THE MOVIE: MUGEN TRAIN führt nun nicht nur die Liste der Filme mit dem größten Einspielergebnis in Japan an, sondern ist gleichzeitig auch weltweit der umsatzstärkste Anime-Kinofilm. Yukisada erklärt die Hintergründe: Viele Filmstarts seien verschoben worden, da die Verleiher auf günstigere Bedingungen für einen Kinobesuch warteten. Dadurch waren bei geöffneten Kinos kaum neue Filme verfügbar, darunter auch nur wenige Hollywood-Produktionen. So lief DEMON SLAYER quasi konkurrenzlos und zeitweise in mehreren Sälen pro Kino gleichzeitig und konnte enorme Einspielergebnisse erzielen.

Filmfestivals

Auch Filmfestivals sind vom Corona-Lockdown direkt betroffen. Yukisada hat nach dem verheerenden Erdbeben in Kumamoto 2016 das Kumamoto Restoration Film Festival (KRFF) gegründet. Dieses konnte er nach mehreren Verschiebungen im Oktober 2020 doch noch physisch durchführen. Aber die meisten anderen Filmfestivals wurden entweder komplett digital durchgeführt, wie etwa das Nippon Connection Filmfestival 2020, verschoben oder gleich ganz abgesagt. Doch digital fehlt etwas, darüber sind sich Yukisada und Brokemper einig. Es fehlen die persönlichen Begegnungen, der informelle und spontane Austausch mit anderen Filmemacher*innen, der Vibe und die Euphorie, der Hype um die Filme, sagt Brokemper und fängt an zu schwärmen. Von der Berlinale vergangenes Jahr, als sie in der internationalen Jury saß, kurz vor dem ersten Lockdown; Filme, Menschen und zu wenig Schlaf, eine perfekte Festival-Bubble. Danach heimzukommen sei wie das Erwachen aus einem schönen Traum gewesen – hinein in eine Welt, die sich über Nacht verändert hatte.

Yukisada ist überzeugt, dass Filmfestivals sogar noch an Bedeutung gewinnen werden, wenn Streaming weiter Zuwächse verzeichnet. Denn Filmfestivals sind nicht nur ein Raum für den Austausch mit anderen Filmemacher*innen, sie ermöglichen es auch, die Reaktionen des Publikums direkt zu sehen, und sie zeigen die Diversität des Films. Darüber hinaus seien Kinofilme für die Leinwand produziert; erst dort, vor den Augen des Publikums, seien sie wirklich vollendet.

Trotzdem bietet ein digitales Filmfestival natürlich auch Vorteile: Das Nippon Connection Filmfestival zum Beispiel brach 2020 mit gut 25.400 Zuschauer*innen einen neuen Publikumsrekord. Viele, denen normalerweise der Weg nach Frankfurt zu weit ist, konnten die Filme nun online sehen. Als Antwort auf diese große Nachfrage zeigt Nippon Connection vom 1. bis zum 31. März 2021 Nippon Connection On Demand: Replay! mit elf Highlights des vergangenen Jahres noch einmal zum Streamen. Auch Brokemper betont, dass es sich gerade für Nischenthemen – wie etwa japanischer Film in Deutschland – auch in Zukunft lohnen könnte, zumindest über hybride Modelle nachzudenken und so noch mehr Menschen zu ermöglichen, Filme zu sehen, die abseits von Festivals kaum verfügbar sind.

Ausblick

Filme werden langfristig geplant. Deshalb werde die Corona-Pandemie die Branche erst zeitversetzt in vollem Maße treffen, betont Brokemper. Sie äußert große Sorge um den filmischen Mittelstand nach der Krise. Denn Corona verstärke die Marktkonzentration. Große Produktionsfirmen könnten die wirtschaftlichen Schwankungen mit ihren Reserven langfristig besser bewältigen.

Wenn die Kinos wieder öffnen und Filmproduktionen wieder ungehindert möglich sein werden, dann werden sich neue Fragen stellen. Zum Beispiel: Welche Rolle soll Corona in neuen Produktionen spielen? Wird die Corona-Krise in ihnen überwunden sein? Oder werden sie in einer Parallelwelt spielen, in der Corona nie existiert hat? Brokemper geht davon aus, dass das auch davon abhängen wird, wie stark die Corona-Pandemie das jeweilige Produktionsland getroffen hat. Aber, und das sei das Tolle an Kunst: Es muss keine einheitliche Lösung geben, jede*r Regisseur*in wird einen eigenen Ansatz wählen. Sie freue sich schon darauf. Für die erste Zeit nach der Pandemie jedenfalls sieht sie einen Boom von Feel-Good-Filmen, Liebesfilmen und Komödien, die all das zeigen, worauf wir jetzt verzichten müssen.

Und etwas Positives fällt Yukisada auf die Abschlussfrage schließlich doch ein: Die Pandemie habe den japanischen Filmemacher*innen die Augen geöffnet für die Schwächen des althergebrachten, chronisch unterfinanzierten Branchensystems. Zum ersten Mal hätten sie sich zusammengeschlossen und gemeinsam einen Rettungsfonds für Filmschaffende in Not gegründet.

Weiterführende Links:
Heimatfilm (Bettina Brokempers Produktionsfirma)
Isao Yukisada in der Nippon Connection Datenbank
Kumamoto Restoration Film Festival (Offizielle jap. Festivalseite)
Theatre: A Love Story (Offizielle jap. Seite)
Demon Slayer – The Movie: Mugen Train (Offizielle US-Seite)
Japanisches Kulturinstitut (The Japan Foundation)
Nippon Connection On Demand: Replay!
Nippon Connection Filmfestival

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