Gastbeitrag: SneakyMonday – Stimmungsschwankungen, Nippon Connection, Tag 3

Technisch gesehen begann Tag 3 mit dem NIPPON HEIMKINO und ONE CUT OF THE DEAD von Tag 2. Nach ein paar Jahren der Abwesenheit war Jörg Buttgereit dieses Jahr endlich wieder präsent und brachte uns gemeinsam mit Alexander Iffländer, japanisches Trash-Kino und Iffländers Dr. Monkula Intro näher. Das Ganze wie immer gut gelaunt vom Sofa aus kommentiert und untermalt von Kartoffelchips und billig Bier aus Plastikflaschen. Eben jener Geschmack musste danach von Kirin Frozen, der köstlichen Kombination aus japanischem Bier und einer Biereiskrone, ergänzt werden. Somit war thematisch und stimmungstechnisch die perfekte Basis für ONE CUT OF THE DEAD geschaffen – locker die beste Zombie-Komödie seit Shawn of the Dead und aus meiner Sicht klar das Highlight des Abends, wenn nicht sogar des Festivals. Warum aber findet dies Erwähnung in dem Filmtagebuch zu Tag 3? Während das Q&A kurz nach Mitternacht endete, sollte sich unsere Diskussion über das Gesehene noch über viele weitere Kirin Frozen weiter bis in den Tag 3 erstrecken. Das Filmfrühstück um 10:30 Uhr morgens und der dort gezeigte Anime THE BOY AND THE BEAST hatten somit im Gegensatz zu ONE CUT OF THE DEAD keinen leichten Stand.

Sowohl Orga als auch Frühstück, vor allem aber THE BOY AND THE BEAST von HOSODA, Mamoru überzeugten auf ganzer Linie. Keine Minute braucht das Intro, um den Zuschauer in die fantastische Parallelwelt, definiert durch Tiermonster und Schwertkämpfe, eintauchen zu lassen. Das Ganze untermalt von einem fantastischen Soundtrack. Selten war ich so froh, direkt vor der Box zu sitzen. Auch wenn der Film bild- und tongewaltig daherkommt, würde die liebevoll erzählte Comming of Age-Story um den jungen Ren den Film auch alleine locker tragen. Dieser verirrt sich nach einem Todesfall in der Familie in eben jene Parallelwelt und muss lernen in dieser, vielmehr aber mit sich selbst, klarzukommen. Wem Hosodas AME & YUKI – Die Wolfskinder gefallen hat, der wird auch hier seinen Spaß haben. Und auch wenn der Film schon sehr ans Herz geht, passiert dies hier mit geringerer Schwere.

Genau diese Balance war der perfekte Start in den Tag und ließ noch ein wenig Zeit, um Freunde zu treffen und zu quatschen, bevor es mit DESTINY: THE TALE OF KAMAKURA weiterging. Basierend auf einem Manga von 1984 erzählt Regisseur YAMAZAKI, Takashi ein schönes modernes Märchen. Nicht ohne Schwächen aber sehr, sehr charmant. Allen voran das zentrale Paar in Form der jungen Akiko (TAKAHATA, Mitsuki) und ihrem frisch geheirateten Ehemann, Protagonist und Schriftsteller Isshiki (SAKAI, Masato). Das sehr klassische Rollenverständnis des Ehepaars ist vermutlich der etwas älteren Mangavorlage bzw. der Periode, in der der Film eben spielt geschuldet. Lässt man sich davon nicht stören, kann man in ein romantisiertes Japan der 80er-Jahre eintauchen. Dort angekommen beginnen sofort die Grenzen zwischen der Geisterwelt und dem Hier und Jetzt zu verschwimmen und der Film nimmt den Zuschauer mit auf eine romantische Abenteuerreise.

Der nächste Stopp war dann zur Abwechslung das Mal Seh‘n Kino. Logistisch ist dies immer eine Herausforderung. Dennoch muss ich hier eine Lanze für das Auslagern der doppelten Vorstellungen in das gemütliche Indi-Kino brechen. Zunächst ermöglicht dies, dass nicht jede Entscheidung für einen Film zwangsläufig eine Entscheidung gegen einen anderen ist. Zweitens kann man so neben der fantastischen Festivalatmosphäre auch einige Filme im authentischen Kinosetting genießen. Zu unserem Glück liefen auch noch zwei interessante Filme in Folge im Mal Seh’n Kino, womit dann auch die Logistik keine große Herausforderung mehr darstellte.

Den Anfang macht hier OH LUCY! von der Regisseurin HIRAYANAGI, Atsuko. Sehr hart aber auch sehr menschlich stellt die Hauptdarstellerin TERAJIMA, Shinobu die schwierige Situation der Single-Japanerin Anfang 40 in Form von Setsuko/Lucy dar. Als unnahbare Kettenraucherin, die kaum lächelt, treibt sie perspektivlos durch ihr Leben. Niemand scheint wirklich etwas mit ihr anfangen zu können oder zu wollen. Ob Reaktion oder Ursprung dieser Situation bleibt offen, klar ist aber, sie gibt sich ebenso desinteressiert an ihren Mitmenschen. Dieser Status Quo wird durcheinander gebracht, als sie in kurzer Abfolge einen Selbstmord beobachtet und sich in ihren Englischlehrer, gespielt von Josh Hartnett, verschießt. Hat sie die Kraft für einen Neuanfang und sucht sie diesen hier an der richtigen Stelle? Ein Film, der schnell klar macht, das TERAJIMA absolut zu recht dieses Jahr mit dem Nippon Honor Award ausgezeichnet wird. Auch wenn einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt, ist dies klar die Art von Film bei dem man Lachen muss und soll, da das Leben manchmal einfach sehr absurd ist.

Zum Abschluss gab es dann FOREBOING von KUROSAWA, Kiyoshi. Eine Sci-Fi Story um das drohende Ende der Welt, durch eine nicht greifbare Bedrohung. Vielleicht war es zu spät oder wir einfach zu geflasht von OH LUCY! aber nach sehr starken 30 Minuten voller Gänsehaut hatte der Film gefühlt alles gesagt, was er sagen wollte. Die Synopsis des Films weist bereits darauf hin, dass der Untergang der Welt sich primär durch merkwürdiges Verhalten der Menschen und Unwetter ankündigt. Dennoch waren sich merkwürdig verhaltende Menschen und andauernder Regen einfach zu wenig um 140 Minuten lang Unbehagen zu erzeugen. Wer andere KUROSAWA-Filme, wie CURE oder PULSE mag, ahnt sicher, was ihn hier erwartet und wird wahrscheinlich auch nicht enttäuscht. Wir waren es aber schon ein wenig.

Abschließend sollte auch Tag 3 fließend in Tag 4 übergehen. Einige Biere später war die Stimmung wieder bestens und die Filme des Tages durch diskutiert. Parallel dazu war das den ganzen Tag angekündigte Gewitter mit Blitz, Donner und prasselndem Regen in Frankfurt angekommen. Auf dem Weg nach Hause erschienen einem dann die Konzepte von FOREBODING wesentlich eingängiger… manchmal muss man einfach erst einmal in die richtige Stimmung kommen.

Malte Triesch, SneakyMonday

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